März 17, 2026

Co-Creation in Horizon Europe: Zwischen Anspruch und strukturellen Barrieren

Warum das Positionspapier „Partizipation als Zu-Mutung“ für FP10 und die europäische Forschungsförderung richtungsweisend ist

Warum dieses Positionspapier für Horizon Europe und FP10 relevant ist

Das Positionspapier Partizipation als Zu-Mutung“ analysiert zentrale strukturelle Defizite, die partizipative Forschung behindern – insbesondere in den Forschungslandschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Es identifiziert 13 systemische Barrieren, die eine wirksame, nachhaltige Einbindung von Stakeholdern erschweren, und formuliert konkrete Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung von Förderstrukturen, Logiken der Evaluation und ethischen Rahmenbedingungen.

Das Papier wurde von mehr als 30 Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam entwickelt und durch die VolkswagenStiftung gefördert. Es vereint Perspektiven aus Sozial- und Kulturwissenschaften, Gesundheitsforschung, Bildungswissenschaft und Technologiedesign und liefert damit wissenschaftlich fundierte und politikrelevante Impulse zur Weiterentwicklung partizipativer Forschungssysteme in Europa.

Über den nationalen Kontext hinaus sind diese Erkenntnisse auch für die europäische Forschungs- und Innovationspolitik relevant – insbesondere vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung von Horizon Europe und der Diskussion um das nächste Rahmenprogramm FP10.

Positionspapier für Horizon Europe und FP10 relevant

Erkenntnisse aus unserer Mitwirkung in EU-finanzierten Projekten

Viele der im Positionspapier beschriebenen Herausforderungen spiegeln sich in unserer Mitwirkung an EU-finanzierten Forschungs- und Innovationsprojekten in Horizon Europe, Horizont 2020 und FP7 wider.

PNO Innovation begleitet Konsortien von der Antragsphase bis zur Umsetzung – insbesondere in den Bereichen strategische Antragserstellung, Koordinationsunterstützung, Dissemination, Impact-Planung und Stakeholder Engagement. In dieser Rolle gestalten wir strukturelle Rahmenbedingungen, innerhalb derer partizipative Ansätze implementiert werden. –Aus unserer Mitwirkung in EU-finanzierten Projekten wie AGILE, R2D2-MH, DRIVER+ oder CURSOR zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Partizipative Ansätze werden programmatisch gestärkt, stoßen in der Umsetzung jedoch häufig auf starre Projektlogiken, begrenzte Ressourcen und unzureichend abgebildeter nicht-technischer Impact.

Partizipatives Engagement verliert an Wirkung, wenn:

  • Projektformate nur begrenzte Flexibilität für adaptive Prozesse erlauben
  • Koordinierungs-, Übersetzungs-, Moderations- und Beziehungsarbeit strukturell unterfinanziert bleibt,
  • Evaluationsrahmen nicht-technische Ergebnisse wie Vertrauensbildung, Lernprozesse oder soziale Dynamiken systematisch unterbewerten,
  • Projektlaufzeiten keine nachhaltige Entwicklung von Vertrauen und gemeinsamer Verantwortung ermöglichen

Relevanz für europäische Förderpolitik und Forschungsstrukturen

Das Positionspapier liefert eine fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung partizipativer Förderlogiken – sowohl in nationalen Systemen als auch auf der europäischen Ebene. Seine Analyse steht im Einklang mit der zunehmenden politischen Betonung von gesellschaftlicher Einbindung, Impact-Orientierung und partizipativer Forschung innerhalb von Horizon Europe.

Die aufgezeigten strukturellen Defizite betreffen nicht nur nationale Förderinstitutionen, sondern auch europäische Programme, Evaluationsmechanismen und Projektformate. Sie sind damit hochrelevant für politische Entscheidungsträger*innen, Evaluator*innen, Projektkoordinator*innen, Verfasser*innen von Anträgen, Impact-Verantwortliche und Förderinstitutionen, die an der Weiterentwicklung von Horizon Europe und FP10 beteiligt sind.

Aus unserer Perspektive ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: strukturelle Rahmenbedingungen müssen so weiterentwickelt werden, dass partizipative Ansätze nicht nur programmatisch gefordert, sondern operativ ermöglicht werden.

Wo sich unsere Praxiserfahrungen mit dem Positionspapier decken

Die Kernaussagen des Papers decken sich mit den Beobachtungen aus unserer Mitwirkung in EU-finanzierten Forschungs- und Innovationsprojekten, in denen partizipative Ansätze und Stakeholder-Einbindung eine zentrale Rolle spielen. Co-Creation wird dabei als strukturierter, kooperativer Prozess zwischen Forschungsteams und gesellschaftlichen Akteuren verstanden – von der Projektgestaltung bis zur Umsetzung.

Aus unserer Beteiligung an Horizon-Europe-Projekten wie AGILE und R2D2-MH sowie früheren Initiativen aus H2020 und FP7 – darunter DRIVER+, DAREnet, FOCUS und CURSOR – lassen sich wiederkehrende Muster erkennen: Partizipative Ansätze werden programmatisch zunehmend gestärkt, stoßen in der praktischen Umsetzung jedoch häufig auf strukturelle Grenzen.

Besonders deutlich wird dies in Projekten im Bereich gesellschaftlicher Resilienz, Sicherheit, Gesundheit und sozialer Innovation. Hier zeigt sich, dass Co-Creation-Formate zwar methodisch etabliert sind, ihre nachhaltige Wirkung jedoch stark von den institutionellen Rahmenbedingungen, verfügbaren Ressourcen und Projektstrukturen abhängt.

Ein Beispiel für langfristige strukturelle Wirkung ist die Community-Plattform CMINE, die aus früheren europäischen Sicherheitsforschungsprojekten hervorgegangen ist und heute als Koordinierungs- und Austauschforum im Umfeld von Horizon Europe Cluster 3 fungiert.

Diese Erfahrungen unterstreichen, dass partizipative Forschung nicht nur methodische Kompetenz erfordert, sondern vor allem geeignete strukturelle Rahmenbedingungen innerhalb der europäischen Förderarchitektur.

Projektüberbreifende Herausforderungen, die wir beobachten

Viele EU-Projekte zeigen, wie Co-Creation sinnvoll in die EU-Forschungs- und Innovationsprozesse eingebunden werden kann – insbesondere in technisch und politikorientierten Kontexten. Gleichzeitig beobachten wir stellen wiederkehrende strukturelle Einschränkungen:

  • Co-Creation wird häufig eher als ergänzende Methode verstanden, denn als integraler Bestandteil des Forschungsdesigns – insbesondere im RP7 und frühen H2020-Projekten
  • Projektformate bieten oft nur begrenzte Flexibilität für iterative oder adaptive Beteiligungsprozesse
  • Budgets berücksichtigen Koordinations-, Beziehungs- und Übersetzungsarbeit häufig nicht ausreichend
  • Evaluierungs- und Berichtssysteme erfassen nicht-technische Ergebnisse wie Vertrauensaufbau, Lernprozesse oder soziale Dynamiken nur unzureichend

Diese Erfahrungen haben unsere Herangehensweise in der Zusammenarbeit mit Konsortien geprägt. Bei der Entwicklung und Umsetzung von EU-Projekten achten wir zunehmend darauf, Strukturen zu gestalten, die partizipative Ansätze realistischer unterstützen – ein Ansatz, der sich in Horizon Europe mittlerweile deutlicher widerspiegelt.

EU-Projekte zeigen, wie Co-Creation sinnvoll in die EU-Forschungs- und Innovationsprozesse

Ein Wandel in Horizon Europe – mit strukturellen Spannungsfeldern

Die aktuelle Phase von Horizon Europe (2025–2027) signalisiert ein deutliches politisches Engagement für Teilhabe und Partizipation über alle Cluster hinweg, insbesondere:

  • Cluster 1 – Gesundheit: stärkere Einbindung von Patient*innen- und Bürger*innen, etwa in den Bereichen psychische Gesundheit, digitale und auf Gleichberechtigung ausgerichtete Forschung
  • Cluster 2 & 6: Betonung von partizipativer Demokratie, gesellschaftlichem Wandel, ökologischer Nachhaltigkeit und Lebensmittelsystemen
  • Cluster 3 – Zivile Sicherheit: Co-Creation-Ansätze in gesellschaftlicher Resilienz, Katastrophenvorsorge und innovationsorientierte Sicherheitsforschung
  • Cluster 5 – Klima, Energie & Mobilität: Erste „Societal Readiness Pilots“, die partizipative Forschungs- und Innovationsmodelle für zukünftige Programme – insbesondere  im Kontext von FP10 – erproben
  • Missionen & CSAs: weiterhin wichtige Formate für offene, iterative Beteiligungsprozesse

Gleichzeitig zeigen unsere Projekterfahrungen, dass strukturelle Spannungsfelder bestehen bleiben: Unterfinanzierte Koordinierungsarbeit, starre Output-Vorgaben und verkürzte Projektlaufzeiten erschweren nachhaltige Beteiligungsprozesse. Selbst dort, wo politische Ambitionen klar formuliert sind, fehlt es häufig an operativer Flexibilität. Mit Blick auf FP10 wird entscheidend sein, ob diese strukturellen Bedingungen systematisch adressiert werden – insbesondere hinsichtlich Budgetlogik, Evaluationskriterien und längerfristiger Wirkungsmodelle.

Strukturelle Herausforderungen partizipativer Forschung

Das Positionspapier identifiziert 13 systemische Herausforderungen, von denen sich viele mit Beobachtungen aus unserer Mitwirkun in EU-Projekten decken. Besonders häufig zeigen sich strukturelle Spannungsfelder in vier Bereichen:

  • Unsichtbare Arbeit: Kommunikations-, Übersetzungs-, Moderations- und Beziehungsarbeit ist zentral für Co-Creation, wird  aber häufig nicht ausreichend finanziert
  • Starre Projektlogiken: Vordefinierte Projektpläne lassen nur begrenzten Raum für adaptive oder  ergebnisoffene Beteiligungsprozesse
  • Harmonieerwartung statt Konfliktfähigkeit: Partizipation wird oft als konsensorientierter Prozess verstanden, obwohl  produktiver Dissens ein wichtiger Bestandteil kollektiver Wissensproduktion sein kann
  • Kurzfristigkeit: Projektlaufzeiten von 2–3 Jahren erschweren nachhaltige Vertrauensbildung und langfristige Beteiligungsstrukturen

Diese strukturellen Spannungsfelder bestehen auch im europäischen Kontext fort. Horizon Europe stärkt partizipative Ansätze programmatisch zunehmend – etwa durch neue Instrumente wie die Societal Readiness Pilots, die partizipative Forschungs- und Innovationsmodelle erproben. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Förderlogiken, Budgetstrukturen und Evaluationsmechanismen häufig noch nicht ausreichend auf langfristige Beteiligungsprozesse ausgerichtet sind.

Strukturelle Herausforderungen partizipativer Forschung

Empfehlungen, die wir befürworten

Von den 13 Empfehlungen des Positionspapiers erscheinen für die zukünftige Ausgestaltung europäischer Förderprogramme besonders relevant:

  • Differenzierte Beteiligungsformate entlang der Projektphasen
  • Anerkennung und Finanzierung von Kommunikations-, Koordinierungs- und Beziehungsarbeit
  • Evaluationskriterien, die partizipative Logiken abbilden
  • Strukturelle Verankerung von Co-Creation jenseits symbolischer Beteiligung
  • Flexible Finanzinstrumente für zivilgesellschaftliche und lokale Partner

Diese Empfehlungen decken sich mit strukturellen Beobachtungen aus unserer Mitwirkung in EU-Projekten. Sie unterstreichen die Notwendigkeit, partizipative Forschung nicht nur methodisch, sondern systemisch zu denken.

Wie wir diese Perspektiven in unsere Arbeit einbringen

Die im Positionspapier formulierten Empfehlungen decken sich mit Erfahrungen aus unserer Mitwirkung in EU-geförderten Forschungs- und Innovationsprojekten. In unserer Arbeit mit europäischen Konsortien achten wir zunehmend darauf, dass partizipative Ansätze bereits in der Projektkonzeption realistisch berücksichtigt werden – und nicht erst in der Umsetzungsphase entstehen. Dabei begleiten wir Konsortien entlang des gesamten Projektzyklus: von der strukturellen Konzeption in der Antragsphase bis zur praktischen Umsetzung von Stakeholder-Einbindung, Dissemination und Impact-Strategien. Unsere Rolle liegt insbesondere darin:

  • Projektstrukturen so zu gestalten, dass Beteiligungsformate realistisch umsetzbar sind
  • Kommunikation und Dissemination strategisch auf Stakeholder-Einbindung auszurichten
  • Impact- und Verwertungsstrategien mit gesellschaftlichen Akteuren zu verzahnen

Konsortien bei Koordination und Governance partizipativer Prozesse zu unterstützenIn diesen Konstellationen arbeiten wir eng mit Partnern zusammen, die die eigentlichen Co-Creation-Prozesse gestalten. Unser Beitrag besteht darin, die strukturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, die Sichtbarkeit, Akzeptanz und langfristiger Impact der Ergebnisse unterstützen.

Fazit: Von der Programmatik zur Struktur

Partizipation ist kein formales Kriterium, sondern eine strukturelle Voraussetzung für gesellschaftlich wirksame Forschung. Für die nächste Förderperiode – insbesondere im Hinblick auf FP10 – wird entscheidend sein, partizipative Logiken nicht nur programmatisch einzufordern, sondern institutionell, finanziell und evaluativ abzusichern. Nur wenn Förderlogiken, Budgetstrukturen und Bewertungsmaßstäbe partizipative Realität abbilden, kann europäische Forschung ihr transformatives Potenzial vollständig entfalten.

Über die Autor*innen

Tanja Oster und Andreas Seipelt sind Teil des Teams von PNO Innovation Deutschland. Sie beraten europäische Konsortien zu Stakeholder Engagement, Co-Creation und strategischer Impact-Planung. Die in diesem Beitrag dargestellten Einschätzungen basieren auf der professionellen Projekterfahrung von PNO Innovation und stellen keine offiziellen Positionen einzelner Projektkonsortien dar.

 
Tanja Oster

 
Andreas Seipelt

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